Hintergrund
Meine Bilder haben ihren Ursprung in den urbanen Archiven der kollektiven Collagen aus Aufklebern, fragmentarischen Graffiti und Abrissspuren im öffentlichen Raum vor allem von Städten und Großstädten.
Unter unseren Augen vollzieht sich hier ein vielteiliger, komplexer Prozess, der bei näherer Betrachtung weit wegführt vom Vorwurf des illegalen Vandalismus hin zu einem heute nahezu global verbreiteten Phänomen, das als 'Parallelkunst' erscheint und in seiner Tiefe und Bedeutung kaum auszuloten ist.
Eigentlich in der Absicht der „Urbanen Intervention“ (der Rückgewinnung eines an Kommerz und Kapital verlorenen Lebensraums) schaffen die anonymen Autor*innen dieser Collagen ein unfassbares Werk. – Unfassbar nicht allein wegen der räumlichen Dimension, sondern auch in seiner Bedeutung, weil es sich den Kategorien etablierter Kunst entzieht: Hier existieren, entstehen und vergehen unter Einflüssen von Zufall und Alterung selbstorganisierende, immer wieder neu sich überschreibende Sedimente eines stummen kollektiven Dialogs, getragen von eigentümlicher ästhetischer Logik.
Die in diesem Phänomen auftauchenden Einzelspuren verlieren darin ihre isolierte Bedeutung und münden in ein Konglomerat, das weder einzelnen Autor*innen, noch konkreter kreativer Absicht zugeordnet werden kann. –
Als Sujet inspirieren mich die kollektiven Collagen durch die besondere Affinität ihrer fotografischen Abbildungen gegenüber manchen Prozeduren der digitalen Bildbearbeitung. Durch die stark eingreifende Bearbeitung werden Materialität, Dichte und Schichtung der vorgefundenen Oberflächen, Texturen und grafischen Strukturen freigelegt, weitergedacht und in neue visuelle Ordnungen überführt.
Die so von ihrer dokumentarischen Ausgangsbasis gelösten Bilder wollen die bildliche Kraft des Rohmaterials gleichermaßen bewahren wie transformieren, die Grenze zwischen vorgefundener Realität und künstlerischem Impuls offen halten. Auf diese Weise entstehen digitale Bildräume, die zwischen dokumentarischer Befunderhebung und abstrakter Konstruktion, zwischen Spurensicherung und autonomer Bildvorstellung oszillieren.
Im Zentrum steht aber hier nicht das einzelne Motiv, sondern das Prinzip der laufenden Überlagerung und Neuschreibung selbst: Das unablässige Auftauchen, Nebeneinander und Übereinander, Verschwinden und immer wieder neue Auftauchen von Botschaften, Symbolen, Zeichen und Chiffren:
Spuren von Zufall, Zeit und menschlichem Tun.