#parallelkunst?
Die ästhetische Tiefe der urbanen Anhäufungen, Schichtungen und Überlagerungen aus Aufklebern, fragmentarischen Graffiti und Abrissspuren findet sich auch in meinen Bildern wieder. So stellt sich dort die Frage, ob diese anonymen, kollektiven Bildprozesse bereits in ihrer visuellen Wirkung, als Kunst und als „Parallelkunst“ verstanden werden können.
Vielleicht überzeugender noch als aus diesem Grunde erscheinen die kollektiven Collagen als "Parallelkunst" wegen ihrer teils auffälligen Gemeinsamkeiten mit etablierter Kunst. Neben sporadisch auftauchenden Ähnlichkeiten betrifft dies regelmäßig methodische Parallelen, und zwar hinsichtlich künstlerischer Verfahren sowohl der Überlagerung als auch der Collage, Assemblage und Décollage.
Mehrschichtige Überlagerungsverfahren spielen in der Malerei über viele Stilepochen und Kunststile hinweg bis in die Gegenwart eine bedeutende, teils elementare Rolle.
Ebenso erstaunlich sind die Gemeinsamkeiten der kollektiven Collagen mit künstlerischen Verfahren der Collage, Assemblage und Décollage/Affichismus. - Diese „Parallele“ führte übrigens auch zu der in diesem Projekt verwendeten Bezeichnung „kollektive Collagen“.
Hier ein Beispiel aus dem Dadaismus:
Neben den Collageneigenschaften besteht die „Parallele“ in diesem Beispiel aus
- der Überlagerung mehrerer Bild-/Objektebenen
- der ähnlich akzentuierten Geometrie der Bildobjekte
- dem Vorhandensein diffuser Schriftzüge auf einzelnen Bildobjekten
- der gezielten Ausleuchtung einzelner Bildbereiche.
Ein Beispiel aus dem Kubismus:
Neben den Collageneigenschaften besteht die „Parallele“ in diesem Beispiel aus
- der Überlagerung mehrerer Bild-/Objektebenen
- der rechtwinklig akzentuierten Geometrie der Bildobjekte
- dem Vorhandensein diffuser Schriftzüge auf einzelnen Bildobjekten
- der gezielten Ausleuchtung einzelner Bildbereiche.
Ein anderes Beispiel aus dem Kubismus:
Neben den Collageneigenschaften besteht die „Parallele“ in diesem Beispiel aus
- der Überlagerung mehrerer Bild-/Objektebenen
- der geometrisch akzentuierten Geometrie der Bildobjekte
- der Halbtransparenz einzelner Bildobjekte
- dem Vorhandensein diffuser Grafik auf einzelnen Bildobjekten
Ein Beispiel aus der Abstrakten Kunst („Geometrische Abstraktion“):
Neben den Collageneigenschaften besteht die „Parallele“ in diesem Beispiel aus
- der Überlagerung mehrerer Bild-/Objektebenen
- den klar voneinander abgegrenzten Bildobjekten
- der überwiegend rechtwinklig akzentuierten Geometrie der Bildobjekte
- der tendenziell kontrastarmen Farbgebung
- der durch Überlagerung der Bildobjekte erzeugten Räumlichkeit.
Hier ein Beispiel aus dem Nouveau Réalisme:
Neben den Collageneigenschaften besteht die „Parallele“ in diesem Beispiel aus
- der Überlagerung mehrerer Bild-/Objektebenen
- der Vielzahl der Bildobjekte
- der collagetypischen chaotisch anmutenden Anordnung der Bildobjekte
- der Qualität der Bildobjekte als Träger von meist fragmentierten Schriftzügen oder Textabschnitten.
Diese Ähnlichkeiten („Parallelen“) überraschen umso mehr, weil die als Motiv/Sujet hinter diesen Bildern stehenden kollektiven Collagen aus Aufklebern, fragmentarischen Graffiti und Abrissspuren auf kategorisch andere Entstehungsprozesse zurückgehen, als etablierte Kunst.
Zunächst fehlt den kollektiven Collagen die klassische Werk/Autor*innen-Beziehung: Die Beteiligten bleiben anonym und das Werk entspringt keiner individuellen ästhetischen Absicht. Da die Autor*innen separat handeln, haben einzelne Beiträge auf das Ergebnis nur minimalen Einfluss. Ein „finales Gesamtwerk“ gibt es ohnehin nicht – der Prozess bleibt inhärent offen und endet erst, wenn die Collage als Ganzes erlischt.
Verwechselt man sie nicht mit Graffiti und Streetart, sieht man bei den kollektiven Collagen auch keinen Bezug zu den Institutionen der Kunst (Akademien, Kuratierung, Museen, Galerien, Ausstellungen, Feuilleton usw.). Ebenso haben sie keinerlei Zugang zum Kunstmarkt und auch im kunstwissenschaftlichen Diskurs finden ihre faszinierenden Besonderheiten keine Resonanz.
Die in meinen Transformationen verdichtete Ästhetik der kollektiven Collagen liegt zunächst in ihrem grafischen und farblichen Gehalt, der – wie bei etablierter Kunst – mit urteils- und materialästhetischen Mitteln erfasst werden kann.
Eine noch weitaus ergiebigere Betrachtung der kollektiven Collagen ergibt sich aber durch die Anwendung gehaltsästhetischer Grundsätze, weil sich ihr ästhetischer Wert vor allem über die prozesshaften Hintergründe ihrer Entstehung definiert, nicht über das Werk und die Substanz an sich.
Der ultimative Unterschied zu etablierter Kunst liegt jedoch darin, dass diese Collagen wahr sind, keine künstlerische Fiktion: dass es sie da draußen tatsächlich gibt. –
„Parallelkunst“ steht und entsteht abseits etablierter Kunst, in deren tiefem Schatten sie unserer Wahrnehmung und Wertschätzung offenbar verborgen bleibt.









