Realrealismus: 
Kunst als Produkt substanzbildender Einflüsse der Realität

Dieses Projekt stellt die Frage, ob die urbanen Bildprozesse, aus denen die kollektiven Collagen hervorgehen, als „Parallelkunst“ verstanden werden können. Diese Frage impliziert auch den Blick auf ihren eigentlichen Ursprung, der über mögliche individuelle Beweggründe der anonymen Autor*innen hinausgeht.

Künstlerisches Schaffen entsteht aus dem tief angelegten menschlichen Bedürfnis, innere Vorstellungen, Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse und Lebensgefühl in eine sinnlich wahrnehmbare Form zu übersetzen. Im Mittelpunkt steht hierbei das persönlich-individuelle Verlangen nach Ausdruck, Sinnstiftung und Selbstreflexion.

Kernimpuls der kollektiven Collagen dagegen ist die „Urbane Intervention”, der es um kollektive Teilhabe am urbanen Lebensraum geht: Kreative, zuweilen illegale Eingriffe in den Öffentlichen Raum, die das Ziel haben, gesellschaftliche, politische oder ästhetische Themen öffentlich sichtbar zu machen und den Öffentlichen Raum als Lebensraum zu erschließen und ihn als solchen erlebbar zu machen.

Als Mittel dienen hier Installationen und Performances wie vor allem Streetart (tendenziell legal) und Graffiti (tendenziell illegal), sowie die hier im Fokus stehenden kollektiven Collagen (ebenfalls tendenziell illegal).

Anstelle eines konventionellen Schaffungsprozesses mit Konzept, Planung und einer wenigstens ungefähren Idee zum angestrebten Resultat/Werk werden die beteiligten Elemente (Aufkleber, rudimentäre Graffiti und Abrissspuren, Plakate etc.) hier scheinbar ohne jede konkrete ästhetische Vorstellung und Absicht völlig wahllos appliziert. So kommt es zu einer chaotischen Aneinanderreihung und Übereinanderschichtung der einzelnen Elemente, offensichtlich auch ohne Eingehen oder Rücksicht auf das jeweils dort bereits Vorgefundene.

Während die Collagen nach und nach entstehen, findet eine laufende Veränderung mit immer wieder neu hinzukommenden Elementen statt, die das dort bereits Vorhandene überdecken und überschreiben. 

Der Prozess der Entstehung kann sich prinzipiell endlos fortsetzen. Tatsächlich kann es aber auch jederzeit zu disruptiven Einflüssen kommen: Entfernungen, Auslöschungen, Überstreichungen usw., die solche Collagen über die Zeit erheblich verändern können oder ihnen ein jähes Ende setzen.
 

Einfluss von Zufall und Alterung

  • Der Zufall unterbricht den linearen Verlauf der Prozesse nicht nur, er aktiviert neue Stellschrauben, bringt neue Prozesse in Gang, stellt Weichen, diversifiziert die Einflüsse und hat so eine große Gestaltungswirkung auf die weitere Entwicklung der einzelnen Collage. Hierdurch wird jede von ihnen zu einem Unikat.
     
  • Die natürliche Alterung wird an den jeweiligen Standorten der kollektiven Collagen im Öffentlichen Raum durch die dort herrschenden Umweltbedingungen hervorgerufen: Einwirkungen der Verwitterung, der Sonnenstrahlung und die städtischen Schadstoffe hinterlassen ihre Spuren, lassen die Farben verbleichen, die Oberflächen rau werden und führen schließlich zu einer Verschmelzung und Metamorphose der beteiligten Elemente. So hat auch die Alterung starken Einfluss auf die atmosphärische Wirkung der kollektiven Collagen.  
     

Manifest des "Realrealismus"

Die ästhetisch offenbar ziellose Kraft der anonymen Autor*innen, das Prinzip der fortlaufenden, wahllosen Überschreibung und Überlagerung, der Zufall und die Alterung bilden den eigentlichen Ursprung der kollektiven Collagen. Die hier wirksamen Einflüsse lassen sich unter dem Begriff „Realität“ zusammenfassen. 

Während Kunst stets im Spannungsfeld zwischen Fiktion und Realität (ent-)steht, liegt der Ursprung der kollektiven Collagen allein im Einfluss der Realität.  

"Realität" ist hier nicht mehr - wie im Realismus - nur Objekt und Ebene, Sujet und Metasujet, passiver Motivvorrat oder Modus, sondern selbstorganisierendes, autonomes Mittel und Werkzeug, substanzbildend selbst Kunst schaffend.

Parallelkunst erscheint nun als Produkt substanzbildender Einflüsse der Realität und so impliziert diese Identität die Einführung einer neuen Kunstrichtung: „Realrealismus“:  

Im Realrealismus wird die herkömmliche Künstler*innen/Werk-Beziehung ersetzt durch einen Schaffungsprozess, der initiiert, geprägt und getragen ist durch Kräfte und Potenziale, die außerhalb einer individuell-persönlichen künstlerischen Absicht und Reichweite liegen. –
 

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